Informationen für ÄrztInnen

In Tübingen sehen wir unter den MigrantInnen zwei Gruppen, die benachteiligt werden:
Die erste Gruppe sind Menschen ohne Papiere, die oft gar keine medizinische Versorgung in Anspruch nehmen aus Angst davor, dass ihre Informationen an die Ausländerbehörde weitergeleitet und sie später abgeschoben werden. ÄrztInnen, Krankenhauspersonal (1) und Krankenhausverwaltungen (2) wissen oft nicht, dass sie diese Menschen in Deutschland legal und anonym behandeln dürfen ohne rechtliche Konsequenzen fürchten zu müssen.

Die zweite Gruppe sind Menschen, die sich in einem Asylverfahren befinden oder geduldet werden. Diese Menschen sprechen genau wie die erste Gruppe wenig oder kein Deutsch und haben kaum Kenntnisse über das Gesundheitssystem in Deutschland. Sie wissen nicht, welche Leistungen ihnen zustehen und zu welchen ÄrztInnen oder Beratungsstellen sie gehen können. Oft bleiben chronische oder psychische Leiden unbehandelt.

Weder bei Kindern noch bei Erwachsenen findet ausreichend Vorsorge statt.

Die meisten MigrantInnen wohnen in Weilheim in einer Gemeinschaftsunterkunft. Auf ca. 80 MigrantInnen kommt in Weilheim eine einzige Hausärztin. Die MigrantInnen kommen aus Algerien, Irak, Sri Lanka, Somalia, Mazedonien, Afghanistan oder westafrikanischen Ländern. Viele von ihnen sind aufgrund ihrer Erlebnisse im Heimatland oder ihrer Fluchtgeschichte bereits bei der Ankunft in einem schlechten psychischen und physischen Zustand.

Folgende Bedingungen in Weilheim sind krankheitsfördernd:
- Soziale Enge (4,5 qm/ Person in 2-8-Personenzimmern), kein Rückzugsraum
- Wohnen mit fremden Personen, die oft eine andere Sprache sprechen und aus einem anderen Kulturkreis stammen
- Entmündigende Sachleistungen (Essens- und Hygienepakete)
- Fehlende Mobilität (keine Busfahrkarten bei 40 Euro Taschengeld im Monat)
- Residenzpflicht (dürfen den Landkreis Tübingen nicht verlassen)
- Isolation (kaum Möglichkeit FreundInnen zu besuchen, in Tübingen neue FreundInnen zu finden oder an Sprachkursen teilzunehmen)
- Arbeitsverbot
- Langeweile und Strukturlosigkeit (Beschäftigungsmangel)

Folgende Erkrankungen oder Gesundheitsprobleme sind zum Beispiel nicht abgedeckt:
- Schwangerschaftsvorsorge und -Beratung (6-7 Frauen sind derzeit schwanger, das Kind einer Familie ist vor kurzem fast gestorben, weil die Hebammenbetreuung nicht ausreichend stattgefunden hat)
- Chronische Leiden wie Diabetes (Keine Diabeteskost in den Essenskisten, die Einstellung eines Diabetes mit ausführlicher Anamnese mit DolmetscherInnen findet nicht statt),
- psychische Probleme (Traumata, Depressionen)
- Hilfsmittel sind nur auf mehrfaches Nachfragen zu bekommen (Brille)
- Jede größere Operation ist eine „Kann“ – Leistung vom Landratsamt (Hornhautverkrümmung)

Viele Menschen haben dazu eine große Scheu ihre Probleme bei deutschen ÄrztInnen zu erzählen. Oft sind ihnen ihre fehlende Sprachkenntnis oder ihre Gesundheitsprobleme unangenehm. Seit mehreren Jahren besucht das ,Asylzentrum Tübingenʻ diese Menschen in Weilheim. Engagierte des ,Medinetz Tübingenʻ begleiten sie zu ÄrztInnen, vermitteln DolmetscherInnen und versuchen so die Verständigung zu verbessern.

30 ÄrztInnen aus Tübingen und der Umgebung haben sich beim Medinetzʻ in eine Ärzteliste eingetragen. Wir vermitteln die MigrantInnen an die notwendigen Fachrichtungen.

Es werden noch weitere ÄrztInnen gebraucht, die wir anrufen können. Dafür benötigen wir
- Name
- Adresse
- Kontakt-Telefonnummer
- Fachrichtung
- gesprochene Fremdsprachen
- Höchstanzahl der Menschen pro Monat

Außerdem können ÄrztInnen in Tübinger Kliniken helfen, indem sie ,Flüchtlingsbeauftragteʻ ihrer Klinik werden. Oft werden schon bei der Aufnahme die Flüchtlinge abgewiesen, obwohl sie ein Recht auf Behandlung haben nur weil die MigrantInnen keinen Ausweis oder keine Krankenkarte vorzeigen können. Diesem Informationsdefizit könnten die Flüchtlingsbeauftragtenʻ entgegenwirken.
Hier kann das Medinetz als Informationsstelle dienen.

(1) „Medizinische Hilfe zugunsten von Illegalen wird nicht vom Tatbestand des § 96 Absatz 1 Nr. 2 Aufenthaltsgesetz erfasst; Ärzte und sonstiges medizinisches Personal, das medizinsche Hilfe leistet, macht sich nicht strafbar.“ aus: Bundesministerium des Inneren (Hrsg.): Illegal aufhältige Migranten in Deutschland: Datenlage, Rechtslage, Handlungsoptionen. Bericht des Bundesministerium des Inneren zum Prüfauftrag „Illegalität“ aus der Koalitionsvereinbarung vom 11. November 2005, Kapitel VIII 1.2, 2007.

(2) „ÄrztInnen, Apotheker, PsychologInnen, Angehörige eines anderen Heilberufs und deren berufsmäßig tätige Gehilfen und insbesondere die Abrechnungsstellen der Krankenhausverwaltungen unterliegen der Schweigepflicht und dürfen damit nicht einmal auf Nachfrage Patientendaten übermitteln. Die Schweigepflicht steht über der Übermittlungspflicht laut Aufenthaltsgesetz.“ aus: Der Allgemeinen Verwaltungsvorschrift (AVV) zum Aufenthaltsgesetz vom 18.09.2009 (Drucksache 669/09).

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